MANAS - 

die doppelte Spirale,

die zur Vollkommenheit führt

Edeltraud Elsas

 

 

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Manas ist das doppelte, alles entscheidende Denk-Prinzip des Menschen, welches durch die Manasaputras, die Söhne des Denkens, während der dritten Wurzelrasse dieser 4. Runde erweckt wurde! Dadurch wurden wir fähig, bewusst und aus freiem Willen den Pfad von Âtma-Vidyâ* zu folgen, der zur Mahâtmaschaft und Dhyân-Chohanschaft** führt.

 

 

* Universale Weisheit Vidyâ ist das Wissen oder Wissenschaft; abgeleitet von der Wurzel vidwissen“. Âtma Vidyâ ist Selbsterkenntnis oder die Wissenschaft von Âtman oder von dem göttlichen Wesen in jedem Menschen. Es ist wahrlich universale Weisheit. Sanskritschlüssel J. Thyberg - Übersetzung U:S. Abschnitt 3 Lektion 1 digital

 

** Dhyân-Chohanschaft bedeutet wörtlich die „Herren des Lichtes“. Als hohe Götter, die den römisch-katholischen Erzengeln entsprechen, sind sie die göttlichen Intelligenzen, die mit der Aufsicht über den Kosmos beauftragt sind. HPB Lexikon der Geheimlehren - Seite 132. In den Meisterbriefen werden sie als die schöpferischen Mächte im Kosmos definiert.

 

Sprechen wir von Buddhi-Manas, bezeichnen wir damit den oberen intelligenten Teil dieses fünften menschlichen Prinzips, welches uns das Tor zum ideellen, spirituellen Denken öffnet. Das niedere Manas - Kama-Manas dagegen steht für den Intellekt, das logische Denken, das jeder von uns im Alltag braucht.

 

Manas ist also die doppelte Spirale, die zur Vollkommenheit führt.

 

Doppelt auch deshalb, weil wir sowohl Aufstieg und Fall, ja sogar Abstieg in diesem Körper der Absonderung erleben müssen, bevor wir das Gleichgewicht auf der Brücke zwischen Geist und Ego, bzw. zwischen dem höheren und dem niederen Manas gefunden haben. Diese Brücke wird Antahkarana genannt.

 

Sie ist die feine Linie zwischen Stolz und Demut, zwischen hoch und niedrig, zwischen Zweifel und Sicherheit, zwischen spirituellem Fortschritt oder dem Versinken in die Materie. Deswegen wird Arjuna, dem Menschen, von Krishna, seinem inneren Gott angeraten, sich auf dieser sicheren Scheidelinie niederzulassen. Voraussetzung dafür wäre jedoch ein vollkommener Gleichmut. Ein schwer zu erreichender Zustand, der sicherlich nicht in nur einer Inkarnation erworben werden kann.

 

„Es gibt ja keine göttliche Amnestie, die dir das Werden erspart“, lesen wir bei Saint-Exupery (Stadt in der Wüste). „Du möchtest sein? Du wirst nur im Göttlichen. Es wird dich in seine Scheune einbringen, nachdem du langsam durch deine Handlungen geworden und geknetet sein wirst; denn der Mensch braucht lang zum Geborenwerden! Leben heißt: langsam Geborenwerden. Es wäre allzu bequem, fixfertige Seelen auszuleihen.“

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Doch schauen wir uns zunächst einmal die Definition des Begriffes „manas“ noch etwas genauer an: Die Sanskritwurzel dieses Wortes bedeutet denken, überlegen oder nachdenken, kurz gesagt, geistige Tätigkeit. Es ist das Zentrum des Egobewusstseins im Menschen und in jeder anderen Wesenheit, die mit Selbstbewusstheit ausgestattet ist.

 

Lt. GL I, Seite 240 ist der „Drache der Weisheit*“ oder Manas die menschliche Seele, das Gemüt, das intelligente Prinzip, das in der esoterischen Philosophie das fünfte Prinzip genannt wird. Die fünfte Ordnung ist eine sehr geheimnisvolle, da sie mit dem mikrokosmischen Pentagon, dem fünfeckigen Stern, in Verbindung steht, welches den Menschen darstellt.“

„Die kosmische Entsprechung zu Manas ist Mahat (m), wörtlich „Das Große“ - Mahat ist „Göttliche Intelligenz“, „Kosmisches Gemüt“, die Quelle des Gemüts oder eben Manas im Menschen. Die Theosophie lehrt, dass Mahat tatsächlich das Aggregat der  göttlichen und spirituellen Intelligenzen in diesem Kosmos ist, mit anderen Worten, „die Manasa-Dhyanis … repräsentieren die evolutionäre Kraft von Intelligenz und Gemüt, dem Bindeglied zwischen Geist und Stoff - in dieser Runde“. (GL I, 204)

 

* Die in die Zeugung gefallenen Engel werden sinnbildlich als Schlangen und Drachen der Weisheit erwähnt … weil der Logos Christos ist - jenes „Prinzip“ unserer Natur, welches sich in uns zum geistigen Ego entwickelt - zum Höheren Selbst - das aus der unauflöslichen Vereinigung von Buddhi, dem sechsten, und der geistigen Blüte des Manas, des fünften „Prinzips“ gebildet ist. (GL II, 241)

 

Manas selbst ist sterblich und zerfällt beim Tod, soweit seine niederen Teile betroffen sind. Nur die spirituelle Essenz des Manas überdauert den Tod. Die Monade oder Âtman-Buddhi nimmt hierauf diese Essenz nach Devachan mit, nachdem der „Zweite Tod“ stattgefunden hat. Âtman mit Buddhi und mit dem höheren Teil von Manas wird hierauf zur Spirituellen Monade des Menschen.

 

Genau genommen ist dies die Göttliche Monade in ihrem Gefäß, Âtman und Buddhi, verbunden mit dem menschlichen Ego in seinem höheren manasischen Element. Nach dem Tod sind sie jedoch in einem Element vereinigt und werden deshalb die Spirituelle Monade genannt. Das Manas-Prinzip in uns wird (jedoch) erst gegen Ende der nächsten Runde voll entwickelt werden. Was wir jetzt unser Manas nennen, ist ein Allgemeinbegriff für das reinkarnierende Ego, das höhere Manas.

 

W.Q. Judge beschreibt in Meer der Theosophie S. 202 die Funktion des Manas-Prinzips folgendermaßen: „Der Innere Gott beginnt bei Manas. Er speichert die Gedanken aller Leben des Menschen und aktiviert die menschlichen Sinne, benötigt aber Erleuchtung durch Buddhi und Âtman, weil er durch Begierden getäuscht wird und durch magnetische Fäden mit der Erde verbunden ist. Dennoch kann der Denker nicht in Tierformen zurückkehren. Die letzte Natur des Manas verlangt aber nach einem devachanischen Zustand. Dass dieser notwendige Zustand nicht umgangen werden kann, beruht auf der menschlichen Unkenntnis seiner eigenen Kräfte und Fähigkeiten. Aus dieser Unwissenheit entsteht die Selbsttäuschung, und Manas, nicht gänzlich frei davon, wird durch seine eigene Kraft in das devachanische Denken gedrängt.“ (dto. S. 138) 

 

Wäre dem nicht so, wären wir alle Anwärter auf Nirvana. Doch während des Lebens auf Erden ist Manas dual: Das höhere Manas ist das zum Himmel strebende Gemüt, das Feld des unsterblichen reinkarnierenden Ego, erleuchtet durch das spirituelle Verständnis von Buddhi. Das niedere Manas ist das menschliche Denkvermögen, von irdischen und tierischen Wünschen und Leidenschaften geleitet.

 

Die „Esoterischen Kommentare“ in der „Geheimlehre“ von H.P. Blavatsky sagen, dass Manas in seinem niederen Teil lunar, in seinem höheren Teil solar ist.

 

„Der Mond ist der Verstand, die Sonne die Intelligenz.“

Sankarâchâya

 

 

Madame Blavatsky bezieht sich in Die Stimme der Stille auf das Antahkarana als das niedere Manas, jenen Pfad oder jene Brücke der Kommunikation zwischen der Persönlichkeit und dem höheren Manas oder dem sich wiederverkörpernden Teil des Menschen und nennt ihn „jenen Pfad, der zwischen deinem Geist und dir selbst liegt“.

 

Wenn ein Adept sich jedoch mit seinem Geist vereinigt und sein persönliches Selbst dem höheren, unpersönlichen Geist geopfert hat, verschwindet das Antahkarana, weil es nicht mehr gebraucht wird.

 

Mit Sicherheit gehen diesem hohen Ziel unter dem Prinzip der „freien Wahl“ lange Perioden selbstgeleiteter Evolution voraus, und es versteht sich auch von selbst, dass wir hierbei immer wieder fehlgehen müssen, wodurch sich ja letzten Endes die Not wendet, in welcher wir uns seit dem Fall in die Materie befinden.

 

Das Prinzip der freien Wahl ist deshalb so wichtig, weil wir als nicht selbstbewusste Gottesfunken ausgezogen sind, um (selbst-)bewusst in unsere Heimat zurückzukehren.

 

Und die Problematik des Urteils, also des Teilens des eigentlich Vollkommenen, kann nur durch Wissen überwunden werden. Dazu verhilft uns eben die Lebenserfahrung. Selbstverständlich teilen bzw. unterteilen wir einstweilen mit Hilfe der Unterscheidungskraft ständig etwas - ja wir schaffen dabei sogar immer wieder Neues -, um letztendlich als „Geschliffenes Juwel“ zur Einheit zurückzukehren.

 

Tetragramaton JHWH - Bildquelle: Wikiwand.com

 

Wir finden eine ähnliche Beschreibung auch im 1. Paulusbrief an die Korinther Kapitel 13 Vers 8-10 und Vers 12: „Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird … Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk … Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören … Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin …“

 

Jahwe beantwortet deshalb die Frage nach seiner Identität mit den Worten:

Ich bin, der ich bin!“ (2. Mose 13, 14)

 

In jedem Augenblick haben wir die Wahl uns zu erheben oder in die Tiefen der dichtesten Materie hinab zu steigen. Deshalb benötigen wir unaufhörlich Disziplin, um unsere Wünsche und die entsprechenden Gedanken zu kontrollieren, denn nichts in dieser manifestierten Ebene geschieht zufällig.

 

Solange wir uns auf dünnem Eis bewegen, was bedeutet, dass wir immer wieder die sogenannte Mitte verlassen, brauchen wir natürlich unbedingt unsere Urteilsfähigkeit; verurteilen sollten wir jedoch nicht!

 

Bereits Jesus mahnet uns in der Bergpredigt:

„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!“ (Matth. 7)

 

Der Aktion folgt die Reaktion, welche wiederum Aktion bedingt. Den Gedanken folgen Taten und das „Tun im Nichttun“ - also das „absichtslose Tun“ ist zwar erstrebenswert, aber durchaus nicht so ohne weiteres zu verwirklichen.

 

Mit Recht mahnt deshalb Madame Blavatsky:

„Theosophie ist nichts für Denkfaule!“

 

„Die Menschheit aber, zum mindesten die Mehrzahl, hasst es, selbstständig zu denken. Sie empfindet die bescheidenste Einladung, für einen Augenblick aus den alten ausgetretenen Geleisen herauszugehen und nach selbstständigem Urteil einen neuen Pfad in einer frischen Richtung einzuschlagen, als eine Beleidigung.“ (GL II, 14)

 

Die Fähigkeit jedoch, uns über das niedere Manas zu erheben und entsprechende Denkanstöße zu kreieren, wäre unsere Eintrittskarte in die nächst höhere Evolutionsebene. Denn „das menschliche Ego ist weder Âtman noch Buddhi, sondern das Höhere Manas“. (GL II, 83)

 

Allerdings ist es die Aufgabe des menschlichen Ego, sich seiner Monade, „welche unpersönlich ist“ (GL II, 130 Fußnote ***), immer mehr anzunähern, indem es seinen inneren Gott evolviert!

 

Dabei bedarf der Geist (Purusha) der Hilfe von Prakriti (der Materie) in dieser materiellen Welt. Auch Atma-Buddhi kann nur durch Manas wirken!

 

Und unser Höheres Manas, das Buddhi-Manas liefert die Essenz, welche nach Devachan* mitgenommen wird.

 

* Devachan ist dem christlichen Himmel vergleichbar in der Vorstellung eines Bewusstseinszustandes.

Diese spirituelle Essenz bestimmt dann die Dauer des Aufenthaltes in Devachan. Es kommt also darauf an „wieviele Schätze wir im Himmel gesammelt haben.“

 

Denn die „dreizüngige Flamme, welche nie stirbt“ ist die unsterbliche Triade, Âtman, Buddhi, Manas, oder richtiger die Frucht des letzteren, assimiliert von den beiden ersteren nach jedem irdischen Leben. (GL I, 257)

 

Der Logos* ist passive Weisheit im Himmel und bewusste, selbsttätige Weisheit auf Erden, wird uns gelehrt.

 

* Der Logos ist die manifestierte Gottheit in jeder Nation und jedem Volk, der äußere Ausdruck oder die Wirkung der Ursache, die immer verborgen ist. So ist die Sprache der Logos von Denken, daher ist er treffend übersetzt als das Verbum oder das Wort in seinem metaphysischen Sinn. (HPB Lexikon der Geheimlehren s. 231)

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Es ist die Vermählung des „himmlischen Menschen“ mit der „Jungfrau der Welt“ oder der Natur, wie im Pymander* beschrieben; deren Ergebnis ihr Nachkomme - der unsterbliche Mensch ist.“ (GL II, 240-241)

 

* Pymander, Der Göttliche, Fragmente der hermetischen Lehren aus dem alten Ägypten.

 

In Anbetracht der allmächtigen, göttlichen Natur stellt sich wiederum die Frage, wie frei dann der menschliche Wille - wohlgemerkt - vor der sogenannten Vermählung zwischen dem Höheren und dem Niederen Ego sein kann.

 

Macht euch die Erde untertan? (Genesis 1, Vers 28) 

Ja gerne, aber wie? Denn wenn sie 3x hustet sind wir alle weg!

 

 

In den esoterischen Texten heißt es: „Die Natur neigt sich nur vor demjenigen, der freudig DAS GESETZ erfüllt; da er eins geworden ist mit der universalen Natur, schafft er instinktiv mit ihr bei all ihren Arbeiten, und darum erkennt ihn die Natur als ihren Meister an und huldigt ihm.“ (Gottfried von Purucker, Im Tempel, Seite 115)

 

„Die Natur tritt niemals unbedeutend in Erscheinung. Weder entreißt der weiseste Mensch ihr Geheimnis, noch verliert er seine Neugier dadurch, dass er ihre ganze Vollkommenheit erkennt. Die Natur wurde einem weisen Geiste noch niemals Spielzeug.“ (Emerson, Natur, S. 14)

 

Es sieht ganz so aus, als könnten wir die Meisterschaft tatsächlich nur durch ein Hineinwachsen in die Einsicht erringen, dass der Wille nur insofern frei sein kann, als er den göttliche Maximen entspricht.

 

Es geht also immer um das Opfer und die Fähigkeit des Loslassen!

 

Wir können erahnen, warum die Rückkehr von der Vielheit in die Einheit bzw. zur Einfachheit wesentlich ist für das große Opfer, um welches es immer wieder geht; nämlich das niedere Selbst dem höheren Selbst zu opfern bzw. den Eigenwillen nach und nach fallen zu lassen und sich immer mehr und mehr dem Universalwillen und dem Universalgemüt unterzuordnen.

 

Sucht nur die Menschen zu verwirren, sie zu befriedigen ist schwer!?

Faust: Vorspiel auf dem Theater

 

Der nicht selbstbewusste Gottesfunke Mensch kann sich ja nur selbst befrieden in dem er die Ganzheit anstrebt und Herr im eigenen Haus wird. Das bedeutet u.a., er versetzt sich nach und nach in die Lage, seine Entscheidungen nicht von niederen Motiven beeinflussen zu lassen. Jede noch so kleine Erfahrung jedoch wird von unserem Gemüt, dem Manasprinzip gespeichert und verarbeitet. Jetzt kommt es darauf an, ob wir denkfaul sind und diese Erfahrungen nur emotional bewerten, oder ob wir uns tatsächlich von Buddhi-Manas - unserer spirituellen Quelle beeindrucken lassen.

 

Bei der ersten Option bewegt sich unser Denken im niederen Manasbereich und es besteht die Gefahr, dass wir die nur karmische, emotionale Seite der Ergebnisse in Betracht ziehen. Bei der zweiten Option stimulieren wir das höhere Manas, welches mit Hilfe der Unterscheidungskraft aus Buddhi eine zumindest neutralere Betrachtungsweise und Auswertung ermöglicht.

 

Das Gemüt ist also Manas. … und Manas ist es, welches aus Ahamkara, der Ich-bewirkenden Fähigkeit, oder (universalem) Selbstbewusstsein entspringt, sowie Manas im Mikrokosmos aus Mahat, oder Maha-Buddhi (Buddhi im Menschen) entspringt. Denn Manas ist doppelt, wie Colebrook zeigt und übersetzt: „Das Gemüt, sowohl dem Sinne, wie der Handlung dienend, ist ein Organ vermöge Affinität, in dem es verwandt ist mit dem übrigen Prinzipien“ (GL I, 356)

 

„Denn eine doppelte Spirale ist es, welche die Menschheit zur Vollkommenheit führt. Beide Ströme gehen von der Gottheit aus, vermischen sich aber nicht und kehren in den Schoß der Gottheit zurück.“ (Uxkull: Die Einweihung im alten Ägypten, Seite 113)

 

Da ist sie wieder, die doppelte Spirale, die uns in Windungen unter zu Hilfenahme des Karma-Gesetzes stetig zwar durch alle Tiefen, aber auch unmerklich aufwärts führt analog dem geflügelten Wort: „Mit beiden Beinen auf der Erde, mit dem Kopf im Himmel und mit dem Herzen überall“!

 

Nun ist der Mensch gerufen, in jedem Augenblick seinen freien Willen in die eine oder andere Richtung zu steuern, wobei jeder Gedanke und jedes Gefühl nicht nur karmische Auswirkung hat, sondern naturgemäß der augenblicklichen Einsichtsfähigkeit des Individuums entsprechen wird.

 

Rabindragnath Tagore - Bildquelle: Wikipedia

 

„Denn jeder Teil des Manas, welcher auf die beiden höheren Prinzipien folgt, ist in der Tat die Ahnenseele, der helle, unsterbliche Faden des höheren Ich, welchem der geistige Duft aller Leben oder Geburten anhaftet.

(Sutratman - das Fadenselbst)“ (GL II S.669 Fn)

 

So gesehen haften wir zwar an unserer geistigen Herkunft, sind aber aufgrund unserer Entscheidungsfreiheit keinesfalls Knechte der sogenannten Meinungen und erst recht nicht unserer eigenen Vergangenheit. Um unserer Individualität allerdings näher zu kommen, wäre etwas mehr Zivilcourage - als wir sie allgemein im Alltag beobachten können - durchaus sehr hilfreich.

 

 

Zweifellos ist die karmische Ausbeutung und auch der Lernerfolg des Mutigen höher als dies bei einem Zaghaften der Fall ist. Ersterer packt in eine Inkarnation vielleicht das hinein, was der Letztere über fünf Inkarnationen verteilt!

 

Und „die periodische Pendelbewegung zwischen Existenz in einer Form und Existenz in reinem Bewusstsein stellt nur eine Facette des universalen Gesetzes von Aktion und Reaktion dar, welches in der Theosophie mit dem Sanskritausdruck Karma bezeichnet ist.“  (HPB, Die Dynamik der psychischen Welt, S.11 - Einleitung)

 

Von dieser Naturtatsache ausgehend sprechen die Philosophen, jeder auf seine Art, vom Geworfensein. Und tatsächlich ist es so. Gegen das Gesetz des Werdens innerhalb der Zyklen können wir absolut nichts ausrichten!

 

Dabei verdeutlicht die Dualität des Manasprinzipes - nämlich höheres Manas = Intelligenz und niederes Manas = Intellekt - die Dynamik unserer Zeit. Während der Intellekt die Oberhand gewinnt und Schlauheit sticht, wird der wahre Edelstein, die Intelligenz, welche immer auch ein Aspekt aus dem übergeordneten buddhischen Glanz widerspiegelt, vernachlässigt. So haben wir einen Überschuss an „intellektuellen Riesen“, welche aber in aller Regel „spirituelle Zwerge“ sind!

 

Wir sind jedoch niemals aus der Pflicht - im Gegenteil: Mit wachsender Einsicht wächst auch die Verantwortung auf allen Ebenen des Seins. Rabindranath Tagore drückt diese positive Entwicklung so aus:

 

„Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude.

Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.

Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.“

 

„Kriya-sakti* ist die dem Kama-Manas-Prinzip zur Verfügung stehende geheimnisvolle Kraft der Gedanken, die denselben befähigt, äußerlich wahrnehmbare, phänomenale Ergebnisse hervorzubringen.“ (GL II, 182)

 

* Kriya-sakti, wörtlich „die Kraft des Handelns“, bezogen auf die geheimnisvolle Gedankenkraft, die äußerlich wahrnehmbare Ergebnisse zustande bringt.

 

„Die Geheimwissenschaft hat seit Zeitaltern gelehrt, das Akasha (dessen gröbste Form der Ether ist), das fünfte universale kosmische Prinzip (welches mit dem Kama-Manas-Prinzip des Menschen korrespondiert - Anm. Elsas) kosmisch eine strahlende kühle, diathermane* plastische Materie ist, schöpferisch in ihrer physischen Natur, korrelativ** in ihren gröbsten Aspekten und Teilen.

 

* Diathermie: Hochfrequenzwärme - diatherman: für Infrarotstrahlen durchlässig.

 

** Korrelation: Die Abhängigkeiten zweier Zufallsgrößen voneinander. Eine Zufallsgröße korreliert mit einer zweiten, wenn die Werte der ersten einen Einfluss auf die Verteilungsfunktion der zweiten haben.

 

In seinem schöpferischen Zustand heißt er (Akasha oder der Ether) die Unter-Wurzel; und in Verbindung mit strahlender Wärme erweckt er „tote Welten zum Leben“. In seinem höheren Aspekt ist er die Seele der Welt; in seinem niederen Aspekt der Zerstörer.“ (GL I, 41 Fußnote**)

 

Wir sehen, welche Ergebnisse wir - abhängig von der Kraft und Intensität unserer Gedanken - zustande bringen, und warum es so wichtig ist, diese Gedanken zu kontrollieren und ihnen die von „dem Herrn im Hause“ gewünschte Richtung zugeben.

 

In ihren Briefen an die Amerikanische Konvente jedoch warnt HPB bereits vor den Gefahren der Psyche und betont, dass die psychischen Fähigkeiten (niederes Manas), welche sich notwendigerweise im Laufe der Evolution entwickeln, unbedingt vom höheren Manasprinzip kontrolliert und geleitet werden müssen, da sie den Schüler ansonsten zu den gefährlichsten Täuschungen und in den sicheren moralischen Untergang führen würden.

 

Zwar leben wir gegenwärtig größtenteils im kama-manasischen Teile unserer Konstitution; unser Wille aber stammt nicht aus dem kama-manasischen Teile in uns, sondern steigt unmittelbar von Âtman zu uns herab, erläutert Gottfried von Purucker in seinen Dialogen Bd. VI, Seite 161: „Während also unser Wille durch unser gegenwärtiges Geschick im kama-manasischen Teile von uns angekettet, eingekerkert und gefesselt ist, kann es doch durch Ausübung des spirituellen Hoheitsrechtes seines atmischen swabhavas (Keimes) jeden Augenblick ja oder nein sagen oder auf der Stelle seinem Handeln eine andere Richtung geben.“

 

Dieses ständige „sich entscheiden müssen“ führt uns tatsächlich über die Ausrichtung unseres Willens in immer neue Ebenen des Seins.

 

Und es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Evolutionskette fortzusetzen. Wir können uns nicht davonschleichen; weder durch eine „Kopf in den Sand“-Mentalität oder eben noch schlimmere Alternativen, noch durch die Entscheidung zum Egozentrismus*.

 

* Egozentrismus bezeichnet die Haltung eines Menschen, der seine eigene Person als das Zentrum allen Geschehens betrachtet und alle Ereignisse von seinem eigenen Standpunkt und von seiner eigenen Perspektive aus bewertet.

 

Zwar schreiten die Pratyeka-Buddhas vorwärts und erfüllen das Gebot der grenzenlosen Liebe; aber sie haben kein Mitleid, welches sie veranlassen könnte, auf ihre jüngeren Brüder zu warten. 

 

Theosophisch Strebende sollten sich jedoch von Anfang an für den Weg der Buddhas des Mitleids entscheiden. Ein Mitstudierender fragte einmal in seinem Vortrag: „Geht es denn immer nur bergauf?“ Ja, es geht immer nur bergauf, wenngleich durch alle notwendigen Tiefen. Und wir werden in erhabene Ebenen (Bewusstseinszustände) vordringen, von denen wir jetzt nicht einmal den Schimmer einer Ahnung haben können.

 

 

Aber auf der nächst höheren Ebene fangen wir mit dem Lernen naturgemäß auch ganz klein wieder an. Wir sehen: Es ist und bleibt anstrengend. Allerdings bekommen wir auch das notwendige Maß an Ruhephasen!

 

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J.W. v. Goethe verdeutlicht uns diesen Sachverhalt wunderbar in seinem Gedicht aus dem West-Östlichen Divan:

 

 

Selige Sehnsucht

 

Sag es niemand, nur den Weisen, 

weil die Menge gleich verhöhnet, 

Das Lebend’ge will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

 

In der Liebesnächte Kühlung, 

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

 

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reißet neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

 

Und solang du das nicht hast,

Dieses: „Stirb und Werde!“

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde

 

Tut ein Schilf sich doch hervor,

Welten zu versüßen!

Möge meinem Schreibe-Rohr

Liebliches entfließen!

 

Frau Edeltraud Elsas ist Mitglied der Theosophischen Gesellschaft Point Loma Covina. Den Vortrag hielt sie am 22. Mai 2017 in der Loge Blavatsky Berlin.

(aus ADYAR 3/2017, S. 6 -16)

 

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