Karin Waltl, Juli 2025
Es ist bei weitem noch nicht selbstverständlich, dass ein Mitglied oder Besucher einer geistigen Schule auch eine hohe Ethik in seinem Leben zum Ausdruck bringen kann, obgleich er dies sicher sollte. Besonders in der Esoterik werden oft nur mentale Konstrukte geschaffen, ohne dass diese wirklich Anwendung finden um den spirituellen Schüler in seinem Inneren zu transformiert und ihn zu einem neuen Menschen zu formen. Solche Ansätze sind deswegen nicht gleich falsch, aber ohne die Erkenntnis und Umsetzung müssen sie als wertlos betrachtet werden. Aus diesem Grund kommt der Ethik und demjenigen der diese lehrt in jeder geistigen Schule eine entscheidende Rolle zu: Sie dient als Maßstab, um das Göttliche vom Schattenhaften zu unterscheiden und jeder Lehrer ist an seiner eigenen Reinheit und Bewusstheit zu messen.
Die Werte, die wir in der Theosophischen Gesellschaft als theosophisch betrachten, basieren ursprünglich auf den alten Weisheiten des esoterisch-tantrischen
Buddhismus beziehungsweise des Mahayana-Buddhismus, der eine breite Tradition mit verschiedenen Schulen und Praktiken umfasst. Seit ihrer Gründung hat unsere Theosophische Gesellschaft
buddhistische, hinduistische und christliche Philosophien sowie deren höhere Wahrheiten erforscht und miteinander in Beziehung gesetzt. Darüber hinaus hatten auch zahlreiche andere geistige
Strömungen, wie Gnosis und Kabbala, einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung und das Verständnis der Gesellschaft, wie wir sie heute wahrnehmen.
In aller Bescheidenheit möchte ich die Gelegenheit nutzen, um auf die fünf grundlegenden ethischen Werte einzugehen, die als Paramitas oder die fünf Vollkommenheiten bekannt sind. Diese Werte
bilden eine tiefgreifende Verbindung zwischen unserer Theosophischen Bruderschaft und dem esoterischen Buddhismus. Sie sind nicht nur Leitprinzipien, sondern auch Wegweiser zur individuellen
Befreiung von Leiden und zur Entfaltung des inneren Potenzials. In ihrer Essenz verkörpern sie die Weisheit und das Mitgefühl, die notwendig sind, um ein erfülltes und harmonisches Leben zu
führen.
1. Dana – Großzügigkeit: Geben, Helfen, Teilen von Materiellem, Wissen, Zeit. Das selbstlose Geben von Materiellem, Wissen oder Zeit fördert Mitgefühl und löst Anhaftung. Großzügigkeit öffnet das Herz und stärkt die Verbundenheit mit anderen.
2. Sila – Ethik: Moralisches Verhalten, Förderung von Harmonie und Frieden. Moralisches Verhalten bedeutet, anderen nicht zu schaden und aufrichtig zu handeln. Es unterstützt Harmonie und schafft Vertrauen in der Gemeinschaft.
3. Kshanti – Geduld: Gelassenheit und Verständnis in Schwierigkeiten. Geduld heißt, Schwierigkeiten und Kritik gelassen zu begegnen. Sie ermöglicht es, mit Verständnis und Nachsicht auf Herausforderungen zu reagieren.
4. Virya – Energie: Entschlossenheit und Einsatz für spirituelles Wachstum. Virya ist die freudige Anstrengung und Entschlossenheit, auf dem spirituellen Weg nicht nachzulassen. Sie motiviert dazu, Gutes zu tun und Rückschläge zu überwinden.
5. Dhyana – (Dyaana) Meditation: Geistige Sammlung, Einsicht, Verbindung zur inneren Natur. Meditation ist das Üben von Achtsamkeit und innerer Sammlung, um Klarheit und Einsicht zu gewinnen. Sie verbindet uns mit unserer wahren Natur und fördert inneren Frieden.
Diese fünf Paramitas sind grundlegende Eigenschaften, die zur Erleuchtung führen und bilden das Herzstück. Sie helfen, Leiden zu transformieren und das Leben bewusst zu bejahen. Im esoterisch-tantrischen Buddhismus des Vajrayana, der sich an den grundlegenden Lehren des Mahayana orientiert, werden 6 Paramitas gelehrt:
6. Prajna – Weisheit: Prajna ist die tiefere Einsicht in die wahre Natur der Dinge, jenseits von Illusionen und Anhaftungen. Sie befähigt uns, weise Entscheidungen zu treffen und Befreiung zu erlangen.
Im Theravada-Buddhismus gibt es insgesamt zehn Paramitas bzw. Vollkommenheiten. Zu den sechs grundlegenden des Mahayana kommen im Theravada noch vier weitere hinzu:
7. Upaya – Geschickte Mittel: Upaya bedeutet, mit Einfühlungsvermögen und Kreativität passende Wege zu finden, anderen zu helfen. Es geht darum, flexibel und klug zu handeln, um Leiden zu lindern. (Anmerkung: Upaya wird traditionell eher im Mahayana betont, im Theravada sind die zusätzlichen Paramitas andere, siehe unten!)
8. Pranidhāna - Gelübde oder Entschlossenheit: Pranidhāna bedeutetdie entschlossenen Absicht oder das feierliche Gelübde eines Praktizierenden, insbesondere eines Bodhisattvas, sich beständig dem Erwachen und dem Wohl aller fühlenden Wesen zu widmen.
9. Bala – Kraft: Bala bezeichnet die innere Stärke und Energie, die nötig ist, um auf dem Weg der Tugend und Weisheit standhaft zu bleiben. Sie
unterstützt uns, Herausforderungen mutig zu begegnen.
10. Jnana – Wissen: Jnana ist das klare, direkte Wissen, das aus Erfahrung und Erkenntnis entsteht. Es unterscheidet sich von bloßem intellektuellem Wissen und führt zu tieferem
Verständnis.
Diese Paramitas bieten allen Menschen einen wertvollen Weg, um ein leidvolles Leben zu überwinden, und fördern ein tieferes Verständnis der Lebensnatur, das es ermöglicht, Leiden zu transformieren, anstatt es passiv zu akzeptieren. Um zu verdeutlichen, dass Ethik ein Bekenntnis zu allem Leben darstellt, möchte ich weitere Aspekte hinzufügen, die eine zentrale Rolle in unserer ethischen Lehre der Theosophie spielen.
Wir wissen um die Einheit und Verbundenheit aller Dinge in der Natur, die sich in einer beeindruckenden Vielfalt und Fülle um uns manifestiert. Die
Theosophie hebt die gemeinsame Menschlichkeit durch die Bruderschaft einer Menschheit hervor, die wiederum in eine noch umfassendere Einheit universeller Lebensformen eingebettet ist. Unsere
Erkenntnis dieser Verbundenheit, fördert ein tiefes Verständnis für die Verantwortung, die wir gegenüber allen Lebewesen und der Umwelt tragen. Ein „Ja zu allem Leben“ bedeutet,
die Einheit aller Erscheinungsformen zu erkennen und zu respektieren. Die Ethik der Theosophie bejaht alles Leben in seiner physischen, seelischen und geistigen Existenz, unabhängig davon, ob es
sich um niedere oder höhere Bewusstseinsformen handelt. Diese hohe Ethik ermöglicht es uns, bewusst spirituelle Einheits-Erfahrungen zu machen, sie zu fühlen um mit-fühlend zu werden, darüber
nachzudenken und diese Erfahrungen in einem positiven Sinne zu reflektieren.
Diese Erfahrung ist Voraussetzung für Mitleid bzw. Mitgefühl, das in der Theosophie wie im Buddhismus eine zentrale Rolle spielt,
als ein grundlegendes ethisches Prinzip, das wiederum das Verständnis und die Verbindung zwischen allen Lebewesen fördert. In der Theosophie wird Mitgefühl nicht nur als emotionale Reaktion
betrachtet, sondern als eine tiefere Einsicht in die Einheit des Lebens selbst, da erkannt wird, dass das Leiden eines Einzelnen das gesamte Kollektiv beeinflusst.
Aktiv tätiges Mitgefühl, das ganz bewusst kultiviert wird, ist ein Ja zu allem Leben und ermutigt dazu, über persönliche Interessen hinauszublicken und sich
praktisch für das Wohl anderer einzusetzen, was letztlich zu persönlichem und spirituellem Wachstum und einer höheren ethischen Lebensweise führt. Indem wir uns für Wachstum
entscheiden, sagen wir „Ja“ zu den Herausforderungen und Lektionen, die das Leben uns bietet. Wir lernen und entwickeln Bewusstsein, das heißt die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und zur
Reflexion über das eigene Dasein.Das stellt einen zentraler ethischen Aspekt des allgemeinen spirituellen Lebens dar, jedoch ist es ein wesentlicher Auftrag für uns im theosophischen
Alltag.
Aktives Mitgefühl fördert unsere Achtsamkeit für die kleinen Dinge im Leben, was zu einem inneren Wachstum führt. Wenn wir uns fürsorglicher um das
Wohlergehen anderer kümmern, entsteht automatisch Harmonie und ein gerechteres Zusammenleben. Wird das Bewusstsein um Verbundenheit, Achtsamkeit und Mitgefühl beständig gepflegt,
tritt unweigerlich der höhere Wille in uns in Kraft und die Fähigkeit zur Transformation von Schwierigkeiten und herausfordernden Problemen wird immer klarer.
Das Wissen um die Notwendigkeit der eigenen Verwandlung und der Wille dazu ist im esoterischen Buddhismus von größter Bedeutung. Hindernisse und Schwierigkeiten
werden als Herausforderung, als eine Gelegenheit zur inneren Transformation gesehen. Hier bedeutet ein „Ja zu allem Leben“ jede Herausforderung als eine Lektion anzunehmen und
sie als Teil unseres spirituellen Weges zu sehen. Das Gesetz von Karma besagt, dass die Seele nach dem physischen Tod sooft wieder in einem neuen Körper geboren wird, bis wir verstehen, dass
unsere heutigen Handlungen, Worte und Gedanken unsere zukünftigen Leben beeinflussen und uns solange an das Rad der Zeit ketten, bis wir das Wissen und die Erkenntnis um Ethik als die eine
entscheidende Wahrheit verinnerlicht haben. Das ist ein viele Erdenleben dauernder großer Transformationsprozess.
Darum ist spirituelle Wissenschaft als die Suche nach Wahrheit ebenso ein Ja zu allem Leben. Die Theosophie sieht auch keinen
Widerspruch zwischen Wissenschaft und Spiritualität, sofern Wissenschaft unter ethischen Voraussetzungen betrieben wird. Als Theosophen werden wir sogar ermutigt und aufgefordert,
wissenschaftliche Erkenntnisse mit spirituellen Einsichten zu verbinden, um ein umfassenderes Verständnis über Leben und Kosmos zu erlangen. Unsere theosophischen Lehren zielen darauf ab, unser
Bewusstsein als Mensch zu erweitern und dazu müssen wir aktiv Schritte tun.
Welche ethischen Schwerpunkte setzten nun die großen Theosophen in ihren Schriften und wie brachten sie diese Ansprüche im eigenen Leben zum Ausdruck? Die drei
Ziele unserer Gesellschaft gehören sicherlich zu den edelsten Leitsätzen des esoterischen Schrifttums und sind uns natürlich bekannt.
Helena Petrovna Blavatsky mahnte ihre Schüler und Anhänger allzeit zu einem vorbildlichen Lebenswandel, obwohl sie selbst zeitlebens unter ihrem eigenen cholerischen Temperament gelitten hat. Es gibt viele Anekdoten über ihre Schimpftiraden gegen spiritistischen Geheimbündler oder ihren Gegnern aus dem Missionsbereich, die man sicherlich nicht mit einem Prädikat „ethisch korrekt“ bewerten kann, jedoch zeigt es einen Menschen, dem nichts menschliche fremd ist und andererseits diente sie selbstlos und hingebungsvoll der Sache, die ihre Meister Morya und Kuthumi damals als Theosophische Gesellschaft ins Leben riefen und ohne die wir uns heute nicht in dieser Gemeinschaft treffen könnten.
In den „Goldenen Stufen“, einer Passage aus dem Buch „Der Schlüssel zur Theosophie“, das erstmals 1889 in London und New York veröffentlicht wurde, schreibt Madame Blavatsky: „Behaltet die Wahrheit vor Augen: reines Leben, offener Sinn, lauteres Herz, reger Verstand, ungetrübter geistiger Blick, brüderliche Liebe für seine Mitschüler, Bereitwilligkeit Rat und Belehrung zu geben und zu empfangen, treues Pflichtgefühl dem Lehrer gegenüber, sobald man das Vertrauen in den Lehrer gesetzt hat und glaubt, dass er im Besitz der Wahrheit ist, mutiges Ertragen persönlicher Ungerechtigkeit, beherztes Sich-Bekennen zu den Grundsätzen, tapferes Verteidigen der ungerecht Angegriffenen, den Blick unverwandt gerichtet auf das Ideal menschlichen Fortschrittes und menschlicher Vervollkommnung, wie es das heilige Wissen beschreibt - das sind die goldenen Stufen, die der Lernende erklimmen möge, um einzugehen in den Tempel der göttlichen Weisheit.“
Auch die von ihr verfasste kleine aber tiefgründigste Schrift "Die Stimme der Stille" gehört zu den Juwelen einer wahrhaft göttlichen Ethik. Wessen Herz könnte widersprechen, wenn es um die Linderung von Leid geht, wenn es heißt: „Lass die feurige Sonne nicht eine einzige Schmerzensträne trocknen, bevor du selbst sie von des Leidenden Auge entfernt hast. Aber lasse jede verzweifelte Menschenträne in dein Herz fallen und behalte sie dort; entferne sie erst, wenn der Schmerz, der sie verursacht hat, beseitigt ist."
In „Die Stimme der Stille“ schreibt Madame weiter: „Aber verweile, oh Schüler, …ein Wort noch. Kannst du göttliches Mitleid zerstören? Mitleid ist keine Eigenschaft. Es ist das HÖCHSTE GESETZ aller GESETZE - ist ewige Harmonie, das SELBST Ālayas, ist das uferlose, allumfassende innerste Wesen, das Licht des immerwährenden Rechten, die Ordnung aller Dinge, ist das Gesetz der ewigen Liebe."
Es ist zweifelsohne der Weg des Mitgefühls bzw. Mitleids, der zum höchsten Ideal des Buddhismus, zum Boddhisattva-Ideal führt. „Das bescheidene Gewand des
Nimānakāya anzulegen, bedeutet, der ewigen Seligkeit für sein Selbst zu entsagen, um an der Erlösung des Menschen mitzuwirken. Nirvānas Glückseligkeit zu erreichen, jedoch auf sie zu verzichten,
ist die oberste, die letzte Stufe - die höchste auf dem Pfad der Entsagung. Wisse, oh Schüler, dies ist der GEHEIME PFAD, erwählt von den vollendeten Buddhas, die das SELBST dem schwächeren
Selbst der Vielen opferten."
Auch im ‚Brief des Maha Chohan‘ – wobei der Maha Chohan als der Vorgesetzte der Meister Kuthumi und Morya gilt, der beiden Lehrer unserer Madame – heißt es: „Nicht der
individuelle begrenzte Zweck, für sich selbst Nirwana (den Höhepunkt alles Wissens und absoluter Weisheit) zu erlangen, was doch nur ein verfeinerter und verklärter Egoismus wäre, sondern das
aufopfernde Suchen nach den wirksamsten Mitteln, unseren Nächsten auf den rechten Weg zu führen und zu bewirken, dass möglichst viele unserer Mitmenschen daraus Nutzen ziehen, macht den wahren
Theosophen aus.“
Seit ewigen Zeiten blieben erleuchtete Seelen, Meisterwesen und Bodhisattvas der Erde verbunden und führen die Menschheit in ihrer Entwicklung, wobei dies immer
nur durch ihre freiwilliger Beschränkung möglich war.
In „Die Geheimlehre“ kritisiert Madame Blavatsky die Kastenlehre des Hinduismus als eine Form von sozialer Ungerechtigkeit und als ein System, das die spirituelle Entwicklung der Menschen
behindert. Sie argumentiert, dass die Kastenlehre die wahre Essenz der Spiritualität und die Einheit aller Menschen untergräbt. Madame Blavatsky betont Ethik durch die Notwendigkeit, über solche
sozialen Strukturen hinauszuwachsen und die universelle Brüderlichkeit zu erkennen. In Bezug auf die christlichen Kirchen kritisiert sie die dogmatischen Lehren und die institutionalisierte
Religion, die von der wahren spirituellen Lehre ablenken. Sie sieht die Kirchen als Institutionen, die oft Macht und Kontrolle ausüben, anstatt die Menschen zu ermutigen, ihre eigene spirituelle
Wahrheit zu suchen. „Aber, wer an der Weisheit des All-Geistes Anteil haben will, muss ihn durch die ganze Menschheit erreichen, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Hautfarbe, Religion
oder sozialer Stellung. Nur Altruismus, nicht Egoismus, selbst in seiner edelsten Auffassung, kann den Einzelnen dazu führen, sein kleines Selbst in den universellen Selbsten zu versenken. Diesen
Notwendigkeiten und diesem Werk aber muss der echte Schüler des wahren Okkultismus sich weihen, wenn er Theo-Sophia, göttliche Weisheit und Wissen, erlangen will.“
Madame Blavatsky lehnte auch das unreflektierte Streben nach okkulten Kräften ab. In „Die Stimme der Stille“ unterscheidet sie zwischen niederen (psychischen) und höheren
(spirituellen) Siddhis und warnt ausdrücklich vor Praktiken, die darauf abzielen, niedere psychische Kräfte zu entwickeln. Sie sah darin eine Gefahr für die spirituelle Entwicklung und betonte,
dass wahre Fortschritte nur durch moralische Reinheit und spirituelle Disziplin erreicht werden können. Sie betonte in ihren Schriften, dass das Streben nach okkulten Kräften ohne ethische und
spirituelle Grundlage den Menschen von höheren Zielen ablenken könne und letztlich für diesen schädlich sei. In ihrem Werk „Isis entschleiert“ schreibt sie: „Mache der Schüler okkulter
Wissenschaften seine eigene Natur so rein und seine Gedanken so hochstrebend wie jener indische Seher, und er wird unbelästigt von Gestalt eines solchen Schläfers, so gießt der unsterbliche Geist
eine Kraft aus, die ihn vor üblen Annäherungen schützt, als ob sie eine Kristallmauer wäre.“
Doch auch sie sah sich zahlreichen Vorwürfen ausgesetzt, da man ihr aufgrund ihrer okkulten
Kräfte und Fähigkeiten unterstellte, sich materielle Vorteile zu verschaffen. Madame Blavatsky wies diese Vorwürfe stets entschieden zurück und betonte, dass sie sich und anderen erheblichen
Schaden zufügen würde, wenn sie heilige Kräfte zur persönlichen Bereicherung einsetzen würde. Jeder, der eine geistige Gabe, die ihm als Geschenk anvertraut wurde, zum eigenen Vorteil
missbraucht, wird gezwungen sein, dies auf einem beschwerlichen Weg der Läuterung wieder gutzumachen.
Der Heiler, der seine Gabe zur Heilung nutzt, um sich üppigen Luxus zu verschaffen, oder der Seher, der seine Fähigkeiten für spekulative Geschäfte an der Börse missbraucht, wird die Hand Gottes
nicht länger spüren. Er wird auch den selbstgeschaffenen Schutzmantel verlieren, der ihn vor negativen Einflüssen bewahrte. Seine ungöttliche Einstellung wird dazu führen, dass er das anzieht,
was er fürchtet.
„Wir leben im Kali-Yuga, und sein verhängnisvoller Einfluss ist im Westen tausendmal mächtiger als im Osten; daher die leichte Beute, die die Mächtigen des
dunklen Zeitalters in diesem zyklischen Kampf machen, und die vielen Täuschungen, denen die Welt jetzt so oft erliegt. Eine davon ist die Einbildung, man könnte mit verhältnismässiger
Leichtigkeit zur „Pforte“ gelangen und die Schwelle des Okkultismus ohne große Opfer überschreiten. Es ist der Traum der meisten Theosophen, er ist von dem Wunsch nach Macht und
persönlicher Selbstsucht eingegeben; aber solche Gefühle können niemals zu dem begehrten Ziel führen. Einer, von dem gesagt wird, er habe sich für die ganze Menschheit geopfert, gibt den Grund
an: “Denn eng ist das Tor und gerade der Weg, der zum ewigen Leben führt“, und deshalb sind es “wenige, die ihn finden.“ Wer jedoch bereit ist, „seinen letzten Bissen mit
einem anderen zu teilen, der schwächer oder ärmer ist als er, wer seinen Mitmenschen hilft, wo immer er ihn leiden sieht, (…) wer sich dem Schrei des menschlichen Elends nicht taub zeigt, wer
hört, wie ein Unschuldiger verleumdet wird und ihn verteidigt, als wäre er es selbst“ - der ist, so sagt unsere Madame, ein wahrer Theosoph.
Annie Besant, die langjährige Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, setzte in ihren Werken einen hohen Maßstab für einen zukünftigen Meister
der Weisheit.
In ihrem Buch „Die Lehre des Herzens“ betonte sie die transformative Kraft der Liebe und deren Verbindung zur Ewigkeit. Sie sah Liebe als universelles Prinzip, das über persönliche Bindungen
hinausgeht und die Grundlage für ethisches Handeln sowie spirituelle Entwicklung bildet. Sie drückte tiefgreifende Gedanken und erhabene ethische Prinzipien aus und betonte die Bedeutung reiner
Absichten seitens des Jüngers auf seinem Weg zur Erleuchtung und dem Ideal des Bodhisattva. Ein herausragendes Merkmal ihres Denkens ist die umfassende Liebe, mit der sie alle Stufen des
spirituellen Pfades umhüllt. Sie warnt wiederholt vor einem missverständlichen Ansatz zur Askese, der in der Unterdrückung aller Liebesempfindungen mündet. Zitat: „Persönliche Liebe darf
nicht abgetötet werden, aber sie muss erweitert werden, bis sie allumfassend wird; … Das Herz soll nicht erkalten, sondern für alle entflammt sein … Nur überströmende Liebe und nicht
Lieblosigkeit wird die Welt retten. Ein Mahatma ist ein Meer von Mitgefühl und kein Eisberg.“
Annie Besant vermittelt dem Jünger auf dem spirituellen Pfad eine bedeutende ethische Erkenntnis: Härte und Strenge können ohne Liebe und Güte nicht wahrhaft
göttlich sein. Eine Lehre, die zwar esoterisches Wissen beinhaltet, jedoch ohne Liebe zum Ausdruck kommt, führt nicht zum höchsten Ideal eines Bodhisattva. Zudem weist Annie Besant darauf hin,
dass diejenigen, die das Trennende betonen, ständig nach Differenzen in Lehrmeinungen suchen oder Andersdenkende herabwürdigen, sich selbst als Unwissende entlarven.
In ihrem Buch Im Vorhof des Tempels schreibt sie: Der so sich Entrüstende hat noch zu lernen, „dass seine edel Entrüstung, dass seine leidenschaftlichen Ausbrüche gegen Unrecht und Tyrannei
nicht die charakteristischen Merkmale einer Seele sind, die dem Göttlichen zustrebt; denn das göttliche Leben liebt alle seine Kinder, die es in die Welt sendet, gleichgültig, wo sie stehen und
wie niedrig der Grad ihrer Entwicklung sei.“ {…} „Nichts soll gehasst, alles soll in den Kreis der Liebe hineingezogen werden, wenn es auch äusserlich noch so widerwärtig und abstoßend ist. Das
Herz von allem ist Leben und Liebe, und darum kann der Strebende nichts aus dem Kreis seines Mitgefühls ausschließen.“
Diese Gewissheit der Einheit erfordert auch die Überwindung eines gewissen Exklusivitätsdenkens. Wer alles im Kontext des Einen betrachtet, wird auch alles diesem Einen zuordnen und nicht sich
selbst. Besant: „Solange irgend eine Handlung mit Rücksicht auf Lob und Preis, oder auch nur mit dem Gedanken 'dies ist mein und nicht eines anderen Werk', ausgeführt wird, solange
in der verborgensten Falte des Herzens noch das leiseste Verlangen nach Unterschiedenheit vom Ganzen vorhanden ist", ist der Schüler „noch nicht zur Reinheit seines Urquells
gelangt.“
Annie Besant bewies auch politisch höchste ethische Standpunkte. Als prominente Vertreterin des Fabianischen Sozialismus setzte sie sich für die Rechte der Arbeiterklasse, bessere
Arbeitsbedingungen, Bildung und einen höheren Lebensstandard für die Armen ein. Sie war eine Verfechterin des Säkularismus, ähnlich wie Madame Blavatsky, kritisierte den Einfluss der Kirchen und
plädierte für Gedankenfreiheit. Ihre atheistischen und wissenschaftlich-materialistischen Ansichten verband sie mit einem Engagement für Geburtenkontrolle und individuelle Entscheidungsfreiheit.
Zudem kämpfte sie unermüdlich für Frauenrechte und die Gleichstellung der Geschlechter, auch wenn sie dabei auf starken Widerstand stieß. In den 1870er-Jahren wurde gegen sie und Charles
Bradlaugh ein Prozess angestrengt, weil sie die Verhütungsschrift Fruits of Philosophy in Großbritannien verbreitet hatten – damals als „obszön“ verboten, heute kaum noch vorstellbar.In Indien
engagierte sie sich intensiv für die Unabhängigkeitsbewegung, gründete die Home Rule League und wurde 1917 Präsidentin des Indischen Nationalkongresses. Gleichzeitig trat sie für eine Erneuerung
der hinduistischen Spiritualität ein, die sie in einer Rückbesinnung auf eine „arische“ Vergangenheit verankert sah. Annie Besant verband in ihrer Arbeit ethische Prinzipien mit spirituellen
Ideen. Für sie bot die Theosophie einen Weg, Wissen, Weisheit und Menschlichkeit zu fördern. Ihre Ethik war getragen von sozialer Reform, individueller Freiheit und spiritueller Erneuerung –
stets mit dem Anspruch, diese Elemente miteinander zu verbinden.
Charles Webster Leadbeater spielte eine zentrale Rolle in der Ethik der Theosophie. Er betonte Selbstreinigung, Opferbereitschaft und gute Taten als Kern ethischer Praxis und sah die Verbindung von spiritueller Entwicklung und moralischem Verhalten als essenziell an. Den Dienst an den „Meistern der Weisheit“ betrachtete er als höchsten Ausdruck ethischen Handelns. Seine Überzeugungen beruhten auf universeller Liebe und dem Dienst an der Menschheit, die im Alltag gelebt eine harmonische Gesellschaft fördern sollen. Einige seiner Positionen waren jedoch umstritten und wurden innerhalb und außerhalb der Theosophischen Gesellschaft intensiv diskutiert.
Im Alltag zeigt sich, ob der eingeschlagene spirituelle Weg, die persönliche Lebenseinstellung und die esoterische Weltanschauung tatsächlich positive Auswirkungen haben. Ein häufiges Problem ist die Vertrauensseligkeit. Man fragt sich, ob Menschen, die ausschließlich an das Gute in anderen glauben, nicht möglicherweise selbstschädigend handeln. Leadbeater verneint durch folgende Worte: „Man könnte sagen, dass ein vertrauensseliger Mensch nun aber oft betrogen wird und dass man sein Vertrauen missbraucht. Das ist jedoch von geringer Bedeutung; denn es ist weit besser für einen Menschen, dass er bisweilen infolge seines Vertrauens in andere betrogen wird, als das er sich durch fortwährende Argwohn davor bewahre.“
Seine Worte verdeutlichen eine Haltung, die Vertrauen als eine wertvolle Tugend betrachtet, selbst wenn es gelegentlich zu Enttäuschungen führen kann. Vertrauen ist
ein Ausdruck innerer Stärke und des Glaubens an das Gute im Menschen. Der Fokus auf positive Eigenschaften wie Vertrauen und Mitgefühl ist entscheidend für die spirituelle Entwicklung und selbst
wenn man betrogen wird, bleibt die eigene moralische Integrität unberührt. Diese Einstellung ist auch nicht naiv; Leadbeater fordert kein blindes
Vertrauen, sondern eine bewusste Entscheidung für Vertrauen als Lebensprinzip. Dies bedeutet nicht, dass man Risiken ignorieren sollte, sondern dass man bereit ist, Verletzungen in Kauf zu
nehmen, um ein offenes und erfülltes Leben zu führen. Nur Vertrauen ermöglicht persönliches Wachstum und fördert gesunde Beziehungen.
Es gibt natürlich Situationen, in denen Vorsicht geboten ist, aber ein Leben voller Misstrauen kann emotional und sozial belastend sein. Vertrauen erfordert Mut und
die Bereitschaft, gelegentlich enttäuscht zu werden, schafft jedoch auch Raum für tiefe Verbindungen und positive Erfahrungen. Leadbeaters Ethik sagt grundsätzlich Ja zum anderen und erinnert uns
daran, dass Vertrauen ein grundlegendes Element eines erfüllten Lebens ist – trotz der Möglichkeit von Enttäuschungen. Es ist eine Wahl zwischen Offenheit und Isolation: Während Argwohn
kurzfristigen Schutz bieten mag, kann er uns auch daran hindern, das Beste in anderen Menschen zu erkennen und echte Beziehungen aufzubauen. Leadbeater verlangt nicht, dass wir für alle
Mitmenschen die gleiche Intensität an Vertrauen und Liebe entwickeln sollen, aber er verlangt von uns, eine „Haltung der Liebe und nicht die des Hasses
einzunehmen.“ Er weißt auch Vorwürfe seitens kirchlich-caritativer Kritiker zurück, Theosophen und Esoteriker würden nicht gegen die Not in der
Welt arbeiten. Leadbeater anerkennt den großen Verdienst philantropischer Arbeit, ob in der Entwicklungshilfe, Kranken- und Altenpflege oder anderswo, doch sieht er dies nicht als Aufgabe eines
spirituellen Lehrers. Denn: „Jeder reiche und gütig veranlagte Mensch kann das tun, doch es gibt viel Arbeit, die nur die tun können, die wissen. Nun mag es manchen scheinen, dass es ziemlich
eingebildet klingt, uns den Titel anzumassen “Derer die wissen“. Wir sollten das nicht tun, aber die Tatsache bleibt bestehen.“
Diese Stellungnahme von Leadbeater könnte zu Missverständnissen führen, weshalb eine ausführliche Erläuterung notwendig ist. Jeder Mensch sollte sein Potenzial und
seine Begabungen im Einklang mit seiner Inkarnation entfalten. Es ist entscheidend, dass jeder spirituell Suchende den Punkt erreicht, an dem er seine Begabungen bestmöglich zum Dienst an der
Menschheit und zur Entfaltung des göttlichen Plans einsetzen kann. Die Arbeit an der Erweiterung des spirituellen Weltbildes der Menschheit durch die Offenlegung kosmischer Gesetze verkörpert
bereits eine gelebte Ethik und stellt zudem eine zentrale Aufgabe für die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaften dar.
Leadbeater betont, dass der Selbstschutz im Falle eines Angriffs oberste Priorität hat, wobei eine solche Situation auch karmische Dimension besitzt. Er schreibt:
„Ich persönlich glaube, dass wir berechtigt sind, unser Leben zu verteidigen, wenn es angegriffen wird, und ich bin sicher, dass wir berechtigt sind, einen Freund oder ein Kind im Falle des
Angriffs zu verteidigen, sogar auf Kosten des Lebens des Angreifers.“
In der Frage des Pazifismus lässt sich eine grundlegende Einheitlichkeit der Auffassungen unter den Größen der Theosophischen Gesellschaft feststellen. Trotz eines
reinen Liebesideals, das auch nicht-menschliches Leben umfasst, wird die Freiheit und der Schutz vor böswilliger Aggression als das höchste Ideal angesehen. G.v. Purucker schreibt ähnliches und
auch Goffrey Hodson erzählt von einem Erlebnis und einer Gewissensprüfung bezüglich des Dienstes mit der Waffe im 1. Weltkrieg, wo ihm eine lichte Wesenheit erschien und ihm ein Schwert in die
Hände legte. Er deutete dies als Zeichen für den bewaffneten Wiederstand.
Politisch verstanden sie den Widerstand als Notwendigkeit gegen totalitäre Macht, wenn ein materialistisches System geistiges Wachstum gewaltsam unterdrückt. Nur in
einer freien, spirituellen Gesellschaft kann das menschliche Leben im Einklang mit göttlichen Prinzipien gedeihen.
Rudolf Steiner vertrat einen ethischen Individualismus, der Güte und menschliche Wärme betonte und hohe moralische Ansprüche stellte. Sein Ansatz stellte das freie Ich ins Zentrum und strebte vollständige Freiheit unabhängig von äußeren Zwängen an. Eine Tat war für ihn nur dann wirklich sittlich, wenn sie aus freien Idealen hervorging. „Eine Handlung wird als freie empfunden, soweit deren Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht; jeder andere Teil einer Handlung, gleichgültig, ob er aus dem Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.“
Er sah im geistigen Ursprung des Individuums die Grundlage für eine Gesellschaft echter Freiheit. Steiner: „Ein sittliches Missverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen ausgeschlossen.“
Der sittlich freie Mensch wird nicht durch bloße Vorstellungen oder durch Verordnungen zu einem solchen, sondern durch die Verwirklichung seiner inneren
Göttlichkeit. Rudolf Steiner bezeichnet diesen gesamten Prozess als „ethischen Individualismus“. Steiner: „Dagegen wendet sich auch mein ethischer Individualismus, der das sittliche Leben
nicht von aussen durch Gebote gehalten, sondern aus der Erfahrung des seelisch-geistigen Menschenwesens, in dem das Göttliche lebt, hervorgehen lassen wollte."
Absolute Freiheit wird nicht durch göttlichen Willen oder Gebot, sondern durch die individuelle Innerlichkeit erreicht; göttliche Impulse dienen nur als
Orientierung.
Denn in ihr „lebt sich jener Weltenlenker dar. Er lebt nicht als Wille irgendwo ausserhalb des Menschen; er hat sich des Eigenwillens begeben, um alles von des
Menschen Willen abhängig zu machen.“
Er erkannte die Gefahr der menschlichen Willkür, wenn die Freiheit nicht im göttlichen Urgrund verankert ist. Er war sich bewusst, dass übermäßiger Liberalismus
rasch in Chaos umschlagen kann. Um dem entgegenzuwirken, bemühte er sich, durch strenge Richtlinien innerhalb der Anthroposophischen Bewegung eine Balance zu schaffen. „Richte jeder deiner
Taten, jedes deiner Worte so ein, dass durch dich in keines Menschen freien Willensentschluss eingegriffen wird.“
So wertvoll das Gebot ist, so kann der freie Mensch es nur als Ideal leben. Eine derartige Freiheit lässt sich heute auf unserem gegenwärtigen Entwicklungsstand nur
im Kontext der gesellschaftlichen Realität angemessen würdigen. Steiner war sich dessen bewusst und idealisierte es nicht unrealistisch, wie ein sarkastisches Gespräch mit Adelheid Petersen
zeigt: „Ich will Ihnen etwas sagen: wenn ich mir einen Magiermantel umhinge und als Übungen die verrücktesten Sachen von den Leuten verlangte -, etwa um Mitternacht irgendwo auf einen Berg
laufen, um irgendeinen Blödsinn vorzunehmen: glauben Sie mir, das würden sie alle tun! Da liefe mir alles nach! Aber in jahrelangem Bemühen vielleicht eine einzige Charakterschwäche, eine einzige
schlechte Gewohnheit endlich überwinden, ablegen - nicht wahr, das ist so uninteressant!“
Für den theosophischen Schüler sind allein die Gebote uralter Weisheit von Bedeutung und verbindlich. Steiners Klage bleibt aktuell, besonders dort, wo in
esoterischen Kreisen äußere Phänomene höher geschätzt werden als innere Selbstüberwindung. Häufig treten Pseudo-Gurus mit spektakulären Darbietungen auf, doch für Steiner war gerade das
Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler entscheidend. Er warnte vor Lehrern mit einem aufgeblähten Ego, die weltmännisch plaudern und dozieren, getragen von der selbstgefälligen Sicherheit des
„Ich weiß es besser!“. „Niemals dürfen Sie aus innerem Geschwelltsein, innerer Fülle heraus reden oder antworten, wenn sie wirklich im anthroposophischen Sinne den geistigen Welten dienen
wollen. Sondern Sie müssen ein Gefühl der Unzulänglichkeit haben, der Unfähigkeit, der Armut gegenüber dem, was Sie leisten sollen, was von Ihnen erwartet wird - ein Gefühl des Versagens vor dem
Menschen und vor den Wesen der geistigen Welt. Sie müssen eigentlich um Hilfe bitten. Dann sind Sie in der richtigen Seelenstimmung. Dann finden Sie das Richtigsein in Ihren Antworten. Dann
finden Ihre Worte den Weg in das Innere des Hörers Dann sprechen Sie aus der Wahrheit heraus.“
Die Bedeutung dieser Worte findet sich sowohl bei Gottfried von Purucker als auch bei Jiddu Krishnamurti und besitzt zeitlose Gültigkeit. Rudolf Steiner wurde zwar
kritisiert, nicht immer konsequent nach seinen Lehren gehandelt zu haben, doch zeigt dies nur seine Menschlichkeit, er war dennoch eine herausragende Persönlichkeit in der Theosophie für die wir
tiefen Dank empfinden dürfen.
Jiddu Krishnamurti trat 1910 gemeinsam mit seinem Bruder der Theosophischen Gesellschaft in Indien bei. Von Annie Besant und C. W. Leadbeater
zunächst als kommender „Weltlehrer“ aufgebaut, lehnte er diese Rolle später entschieden ab. Statt äußerer Autorität stellte er die Würde der individuellen Freiheit, Selbsterkenntnis und die
Loslösung von jeder Form der Konditionierung in den Mittelpunkt seiner Ethik.Zentral war für ihn die Ablehnung jeglicher spiritueller, religiöser oder psychologischer Autorität – auch seiner
eigenen. Er ermutigte dazu, selbst zu erkennen und offen zu beginnen, ohne vorgefertigtes Wissen oder blinden Gehorsam. Sein berühmter Satz „Die Wahrheit ist ein Land ohne Wege“ bringt
dies prägnant zum Ausdruck. Für Krishnamurti lag wahre Befreiung jenseits aller Organisationen, Methoden und Lehrer.
Am 3. August 1929 löste er deshalb den „Order of the Star in the East“ auf und wies seine ihm zugedachte Rolle als Weltenlehrer zurück. Gerade durch diese
konsequente Haltung, keine Gefolgschaft zu beanspruchen, wurde er zu einer einzigartigen Lehrerfigur. Seine kompromisslose Betonung der Selbsterkenntnis und der inneren Freiheit macht ihn bis
heute für viele Menschen zu einer inspirierenden Quelle geistiger Klarheit.
Alice Ann Bailey trat 1915 der Theosophischen Gesellschaft Adyar bei und gehörte ab 1918 der Esoterischen Sektion an. Aufbauend auf Madame’s Lehren
entwickelte sie eigene Akzente, aus denen später die Arkan-Schule und der Lucis Trust hervorgingen, die bis heute Meditation und Weltdienst betonen. Ihre Schriften gelten als wegweisend für die
New-Age-Bewegung. Zentral war für sie ebenso der Dienst an der Menschheit, inspiriert durch die Weisheit ihres Meisters Djwal Khul -„der Tibeter“.
Alice Bailey veröffentlichte sowohl eigene Schriften als auch Lehren ihres Meisters Djwal Khul. Ab 1919 empfing sie dessen Botschaften telepathisch, nicht durch automatisches Schreiben, sondern
indem sie nach eigener Aussage seine Gedanken „hörte“ und niederschrieb. Von ihren rund 25 Werken stammen 18 von Djwal Khul, zwei unter seiner Mitwirkung und fünf von ihr selbst. Die enge
Ausrichtung an diesen Lehren führte ab 1922 zu Spannungen und schließlich zur Trennung von der Theosophischen Gesellschaft Adyar, deren Führung ihre Arbeit als Konkurrenz
betrachtete.
Djwal Khul sah drei Hauptkräfte als Hindernis für die Einheit der Menschheit: Nationalismus, Rassismus und religiösen Fanatismus. In Probleme der Menschheit warnte
er eindringlich vor dem Nationalismus und befürchtete, der Faschismus könne den spirituellen Entwicklungspfad der Menschheit ernsthaft gefährden. Zwar finden sich keine Belege für eine direkte
Unterstützung der Alliierten durch ihn, doch stimmen die ethischen Leitlinien seiner Lehren mit den Werten überein, für die sie eintraten.
Alice Bailey selbst berichtet in ihrer unvollendeten Autobiografie, die 1951 posthum veröffentlicht wurde, da sie 1949 verstarb, von ihrem mutigen öffentlichen
Eintreten gegen Hitler, was dazu führte, dass sie auf dessen „schwarzer Liste“ verzeichnet wurde. Dies belegt ihre klare und unmissverständliche Ablehnung des Nationalsozialismus. Sie betrachtete
den Zweiten Weltkrieg als einen entscheidenden Kampf zwischen den Kräften des Lichts, die für Verbundenheit, Humanität und Freiheit stehen, und den Kräften der Finsternis, die sich durch
Totalitarismus und Unterdrückung auszeichnen.
Djwal Khul und Bailey sahen Rassismus als zentrales Problem der Menschheit. Sie kritisierten die Lage in den USA, Südafrika und der jüdischen Diaspora und
betrachteten ihn als durch politische Vernunft und guten Willen lösbar – vorausgesetzt, es komme zu einem tiefgreifenden Umdenken bei den Weißen, denen sie die Hauptverantwortung
zuschrieben.
In religiösen Themen setzte sie sich rigoros für Selbstbestimmung seitens der Gläubigen, für Toleranz und die Aufhebung aller Glaubensdogmen ein. „Nicht länger
dürfen die Kirchen ihre Autorität und ihre Auslegung zwischen Gott und den Menschen stellen.“
Sie betonte, dass der freie geistige Sucher sich zu seinen Antworten und Erfahrungen durchringen muss und dass keine vorgebeteten Wahrheiten bzw. Scheinwahrheiten
ihn länger vom eigenen Erkenntnisstreben abhalten sollten. Dies ist eine ganz wesentliche theosophische Aussage. Sie war auch strikt gegen die Klassifizierung und somit auch Abwertung anderer
Glaubensrichtungen. „Es gibt weder Juden noch Heiden mehr — es gibt nur noch eine Menschheit.“ Alice Bailey setzte auf die Rückkehr Christi als Energie der Liebe im menschlichen
Bewusstsein und die Entstehung einer universellen Weltreligion, die alle Glaubensrichtungen überwindet.
Djwal Khul sprach in Baileys Büchern auch die ethische Frage des Geldes an. Er betrachtete es als Pflicht des Einzelnen, Mittel für den göttlichen Plan
bereitzustellen, da Geld eine wesentliche Energie für spirituelle Ziele sei. Der wahrhaft Strebende (Zitat) „will nichts für sich selbst haben, ausser dem, was zur Erfüllung seiner Aufgabe
notwendig ist; und er betrachtet Geld und das, was sich mit Geld kaufen lässt, als etwas, was zu Gunsten anderer bestimmt ist, und als Mittel zur Förderung der Pläne des Meisters, insoweit er
diese Pläne erahnt. … Nur derjenige, der nichts für sich selbst wünscht, kann zum Empfänger finanzieller Mittel und zum Verwalter der Reichtümer des Universums werden.“
Der Umgang mit Geld solle nach Djwal Khul vom Gewissen jedes Einzelnen geprüft werden – ob es dem göttlichen Plan dient oder der Selbstsucht. Dabei warnte er vor
kleingeistiger Anrechnerei oder „esoterischem Ablasshandel“ und verstand Geld vielmehr als Mittel zur Bewusstwerdung im Umgang mit materiellen Gütern.
Alice Baileys Ethik zielt auf eine Menschheit, die durch spirituelle Entwicklung, Einheitsbewusstsein und selbstlosen Dienst ein neues Zeitalter von Liebe, Weisheit
und Harmonie verwirklichen kann. Theosophisch zentral ist dabei die Einweihung, die durch geistige Arbeit, Tugendhaftigkeit, Ethik und Erkenntnis erreicht wird.
Bailey legt uns als Suchenden und Schülern durch die Worte ihres Meisters auch noch Folgendes ans Herz: „In Selbstvergessenheit dient er, in Selbstverleugnung
wandert er auf Erden und verwendet keinen Gedanken auf die Größe oder Kleinheit des von ihm Erreichten; er hat keine vorgefassten Ideen über seinen eigenen Wert oder seine Nützlichkeit. Er lehrt,
dient, arbeitet und beeinflusst, und verlangt nichts für sein persönliches Selbst."
Franz Hartmann hebt in seinem Werk „Die ethischen Grundsätze der Theosophie“ die Zielsetzung der Theosophie hervor, die sich der Selbsterkenntnis und der Entfaltung der im Menschen innewohnenden göttlichen Kräfte widmet. In dieser tiefgründigen Auseinandersetzung wird die Bedeutung der inneren Entwicklung und der spirituellen Entfaltung des Individuums betont.
Hartmanns Gedanken laden dazu ein, die verborgenen Potenziale in uns zu erkennen und zu kultivieren. „Wer in allen Wesen sein eigenes göttliches Selbst erkennt, liebt Gott in jedem Geschöpf als sein eigen Selbst. Wer sich noch auf Autoritäten stützt, ist noch nicht sein eigener Herr. Wer aber sein eigener Herr ist, braucht weder Lehrer noch Leiter. Er weiß, daß niemand durch die Mitgliedschaft in einem Verein zum Theosophen wird, sondern nur durch Selbsterkenntnis, durch die er erst für die Gottesweisheit aufnahmefähig wird.“
Für ihn sind ebenso äußere Unterschiede wie Religion, Herkunft oder Geschlecht von geringer Bedeutung, da sie lediglich das Äußere betreffen und nichts mit dem wahren inneren Wesen des Menschen
zu tun haben. Ethisches Handeln entspringt für Hartmann der tiefen Erkenntnis der Einheit allen Lebens: „Wer in jedem Wesen sein eigenes göttliches Selbst erkennt, liebt Gott in jedem
Geschöpf als Teil seines eigenen Seins.“
Franz Hartmann erhebt mit Nachdruck die Stimme gegen die Abhängigkeit von äußeren Autoritäten und die bloße Zugehörigkeit zu Organisationen. Er betont, dass die wahre Essenz des menschlichen Daseins in der inneren Entwicklung und der authentischen Selbsterkenntnis liegt. Die wahre theosophische Ethik offenbart sich nicht in der Anhäufung von Wissen, sondern in den Taten der Liebe und im Leben, das aus dem Geist der Einheit gespeist wird. „Wir ehren Gott durch die Erkenntnis seiner Gegenwart in uns, unser Leben durch gute Taten und unsere Nächsten dadurch, daß wir Gott, das Gute, in ihnen sehen und fördern.“ Für Hartmann ist die Überwindung von Egoismus, Eigendünkel und Ich-Wahn die grundlegende Voraussetzung für ethisches Handeln und geistige Reife.
Vom ersten Kongress der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland, das war 1896 in Berlin, stammt folgendes Zitat von Franz Hartmann: „Der allgemeinen Menschenverbrüderung liegt die allgemeine Menschenliebe zugrunde, und diese Liebe ist nicht eine bloße Theorie noch eine phantastische Schwärmerei, sondern sie besteht in der Erkenntnis, dass alle Menschen, ja sogar alle Geschöpfe ihrem Wesen nach eine Einheit, wenn auch in ihren Formen, Erscheinungen und deren Eigenschaften voneinander verschieden sind.“
Wir alle haben schwierige Zeiten erlebt und werden vielleicht solche Zeiten noch vor uns haben, mit dem Gefühl, allein oder einsam gegen die Widerstände des Lebens zu kämpfen.
Die hohe Ethik der Theosophie gibt uns immer wieder Mut, Ja zu allem Leben zu sagen. Diese Werte, gelehrt durch die Mahatmas, sowie durch die Begründer und Wegbereiter machen deutlich, dass wir eine Menschheit sind. Wenn wir uns bewusst für die ewigen Werte der Theosophie wie Wahrheit, Freiheit und Liebe einsetzen, verwirklichen wir die Bruderschaft zu allen Wesen.
In dieser edlen Bestrebung liegt der Schlüssel zu einem erfüllten und harmonischen Leben, das im Einklang mit der universellen Wahrheit steht. Möge jeder Einzelne
sich auf diesen Weg der inneren Entfaltung begeben und die Prinzipien der Liebe und Einheit mit einem deutlichen JA in seinem Leben verwirklichen.
Om Mani Padme Hum
Friede allen Wesen